Hei Ihr ♥

Habt ihr zuhause Bücher, die ihr euch nur wegen Bookstagram oder einem anderen Blogger gekauft habt? Bei mir ist eins dieser Bücher „Outline“ von Rachel Cusk. Ich habe tatsächlich nur eine einzige Rezension von dem Buch auf Bookstagram gesehen, war aber sofort so überzeugt, dass ich mir das Buch sofort bestellt habe. Und was soll ich sagen… dieses Buch hat mich dazu gebracht, alle meine vorherigen 5 Sterne Bewertungen erneut zu überdenken, aber dazu jetzt mehr:

Kurze Inhaltszusammenfassung:

Eine Frau wird im Flugzeug von ihrem Sitznachbarn angesprochen. Er redet, sie hört zu. In Athen angekommen, wo sie einen Sommer lang einen Schreibkurs geben soll, geht es so weiter: Ihre Bekanntschaften reden – von Ängsten, von Begierden, von Versäumnissen und Lieblingstheorien -, und sie hört zu. Aber welches Rätsel verbirgt sich hinter ihrem Schweigen?

Meine Meinung:

Das Cover:

Auf dem Cover meiner deutschen Taschenbuchausgabe ist der Umriss einer Frau zu sehen, der sich über sieben verschiedenfarbige Sektoren erstreckt. Die Farben reichen von einem warmen Gelb bis zu einem dunklen Tiefseeblau und sind durch weiße Linien getrennt, die kleine Einschläge wie auf einem Herzmonitor haben.

Das restliche Cover ist in Weiß gehalten und der Name der Autorin sowie der Titel stehen in Schwarz über und unter dem Farbkästchen.

Schon von Anfang an habe ich mich gefragt, was hinter dem Titel und dem passenden Bild steckt und habe bereits vermutet, dass es eine tiefere Message hat.

Und bevor ich versuche, euch diese Message in meinen Worten darzulegen, lasse ich lieber die Autorin sprechen, denn besser könnte das niemand sagen:

Mit anderen Worten, er beschrieb alles, was sie nicht war, und in allem, was er über sich sagte, fand sie eine negative Entsprechung in sich selbst. Diese Negativbeschreibung, ihr fiel kein besseres Wort dafür ein, hatte ihr etwas verdeutlicht: Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, während der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal seit dem Vorfall eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte.

Wer es nicht weiß, das englische Wort „outline“ kann vieles bedeuten, aber unter anderem bedeutet es „Skizzierung“ oder „Umriss“ und daher passt dieses Zitat einfach perfekt zu dem Titel und als ich diese Stelle gelesen habe, war ich einfach nur sprachlos, was für ein Genie Rachel Cusk ist. Denn alles, was die Autorin in diesem Buch macht, ist skizzieren. Sie zeichnet dieses benannte Negativbild mit all den Geschichten der Personen im Buch und zeigt uns somit auf, was wir sind oder auch nicht sind, da es letztendlich einfacher ist, sich über ein solches Negativbild zu definieren, als ohne eine solche „Hilfe“ herauszufinden, wie man selber ist. Ich könnte wirklich seitenlang darüber weitererzählen, aber jetzt kommen wir erst einmal zum nächsten Punkt.

Die Charaktere:

Die Hauptfigur ist eine Frau. Die Frau aus dem Flugzeug, die lieber zuhört als selbst erzählt. Und obwohl sie uns von Anfang an begleitet, erfahren wir erst kurz vor Schluss ihren Namen: Faye. Doch ist der Name überhaupt wichtig? Nein. Rachel Cusk zeigt uns, dass man den Namen der Hauptfigur gar nicht wissen muss, um sich ein Bild von ihr zu machen. Denn wir werden nicht über unsere Namen definiert, sondern unsere Gedanken und Taten. Und ist der Name nicht nur eine Beschreibung für den Umriss unseres Wesens, welcher zu uns gehört?

Faye an sich bleibt eher eine mysteriöse Figur in „Outline“. Die Informationen, an denen sie uns teilhaben lässt, sind vage und selten. Doch diese sind auch gar nicht wichtig, da Faye, obwohl sie die Hauptfigur ist, vordergründig da ist, um uns an den Geschichten der anderen teilhaben zu lassen. Sie muss die anderen nicht einmal viel fragen, denn sie lassen uns freiwillig Einblicke in ihr gesamtes Leben, ihre Ansichten über die Liebe, die Ehe, Scheitern und ihre Gedanken da. Dabei sind die anderen Figuren wie der Mann aus dem Flugzeug, Elena, Ryan oder Fayes Schreibgruppe so authentisch geschrieben als wären sie eins zu eins aus der Realität übernommen worden und mit Lebensweisheiten gespickt worden, die sie uns jetzt übermitteln.

Die Authentizität lässt sich wahrscheinlich auf die Beobachtungsgabe von Cusk zurückführen. Selbst Personen, die man nur kurz kennenlernt, wirken nicht leer, sondern voller Leben. Aus den Beschreibungen der Figuren kann, denke ich, jede(r) angehende Autor(in) lernen, da Rachel Cusk selbst kleine, fast unbewusste Handbewegungen beschreibt, die einem Tag für Tag im realen Leben auffallen, aber sie so „normal“ sind, dass sie vielleicht viele in einem Buch vergessen würden. Doch hier nicht. Hier gibt es den Personen mehr Schichten, mehr Persönlichkeit und einfach mehr Leben.

Ich verliere mich schon wieder … Machen wir weiter…

Die Handlung:

„Outline“ besteht aus zehn Kapiteln, die jeweils eine abgeschlossene Handlung sind. Mal treffen wir Fayes Schreibgruppe, mal erleben wir ein Abendessen mit ihr und dann begleiten wir sie zu ihren Treffen mit dem Mann aus dem Flugzeug.

Bei jedem neuen Kapitel lernen wir nicht nur neue Personen, sondern auch deren Denkweisen und Weltanschauungen kennen. Auch wenn sich diese manchmal ähneln (wie es ja auch im realen Leben ist), stellt uns Rachel Cusk doch eine breite Varietät von Denkansätzen vor, die sich am Ende des Buches zu einem Mosaik zusammenfügen und uns mit ihrer Varietät ein Muster des Lebens vorlegen.

Und wolle man jetzt interpretieren, so verbirgt die ganze Handlung, die zwar aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, aber sich nur zu einem kleinen Teil um Faye selbst dreht, ebenfalls eine Botschaft. Denn was das Buch ausmacht, sind die Geschichten der anderen Leute und nicht die Geschichte Fayes. Sie trägt zwar etwas zu dem Mosaik der Ansichten bei, aber was letztendlich zählt, sind all diese verschiedenen Ansätze. Und vielleicht sollten wir das auch im wahren Leben beherzigen… nicht egozentrisch sein, mehr den Geschichten anderer Leute zuhören und aus ihnen lernen.

Das Ende ist das einzig nicht so gute, aber nur, weil es das Ende ist 😉 Am liebsten hätte ich das Buch tatsächlich gleich nochmal durchgelesen!

Der Erzählstil:

Ist es aus den letzten Punkten noch nicht klar geworden, sage ich es hier einfach nochmal: Rachel Cusk ist ein Genie und hat ein wahres Meisterwerk geschaffen. Der Erzählstil ist so leicht und Situationen sind so wunderschön beschrieben, dass ich, wenn ich nicht hätte arbeiten müssen, das Buch wahrscheinlich in ein paar Stunden durchgelesen hätte! Und dann diese Metaphern! Und generell die ganze Quotability an sich!

Was meine ich mit „Quotability“? Sätze oder Stellen, die man am liebsten zitieren würde.

Und ich rede nicht nur von prägnanten Sätzen, die man gerne auf einem Lesezeichen oder Bild wiederfinden würde, sondern ich rede auch von ganzen Paragraphen, die man zwar vielleicht nicht zitieren kann, da man sie auf die Schnelle nicht auswendig lernen kann, aber die man trotzdem am liebsten im Gespräch einfügen will, sollte das Thema aufkommen. Denn diese Stellen spiegeln oft die eigenen Gedanken und Gefühle so gut wider, wie man es selbst nicht könnte.

Diese Stellen könnte wahrscheinlich auch niemand in einem einzigen Satz zusammenfassen, da die meisten für das übermittelte Gefühl wahrscheinlich nicht einmal die richtigen Worte finden würden. Außer Rachel Cusk ;P

Fazit:

Ich liebe dieses Buch einfach so sehr! Selbst jetzt, als ich für meine Rezension noch einmal ein bisschen durch das Buch geblättert habe, habe ich wieder diese Lust empfunden, das Buch einfach noch einmal zu lesen. Es ist so eine leichte Lektüre, aber man lernt daraus wirklich für das Leben, ist danach schlauer als davor und hat das Gefühl, als wären einem die Augen geöffnet worden. Ich empfehle das Buch literally jedem! Egal wie alt, egal wie jung, egal welche Kultur und egal welche Sexualität – lest es!

Dieses Buch hat mich mein Bewertungssystem bezweifeln lassen, da die anderen 5-Sterne-Bewertungen neben „Outline“ plötzlich nicht mehr wie 5 Sterne wirken…

Daher leite ich mit meinem neuen Bewertungssystem, welches ihr bald unter „and bs“ finden könnt, auch ein neues Bewertungssymbol ein, und zwar das Ahornblatt, denn, Leute, es ist fast schon Herbst 😊

Infos zum Buch

Titel: Outline

Autorin: Rachel Cusk

Übersetzerin: Eva Bonné

Erschienen: 2016 beim Suhrkamp Verlag

ISBN: 978-3-518-46972-9

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